Montag, 22. Juni 2020

Ateliers und Kulturcafé feiern in diesem Jahr ihr 25jähriges Jubiläum

 Am 13. Mai 1995 weihte der damalige Oberbürgermeister Dr. Peter Willmann die Ateliers im Kesselhaus und das Kulturcafé im Kesselhaus ein, das der erste Pächter Ahmet Keser noch „Emporio“ nannte. Damit war vor genau 25 Jahren das letzte Mosaikstück des soziokulturellen Zentrums im Friedlinger Areal der einstigen Seidenstoffweberei Schwarzenbach seiner Bestimmung übergeben worden. Kulturamtsleiter Tonio Paßlick hatte 1988 das Potenzial der Industriebrache mit seinen zur gleichen Zeit unter Denkmalschutz gestellten Sägezahndächern für die Kultur erkannt und die Verwaltungsspitze für die Verwirklichung eines urbanen Kulturzentrums gewinnen können.

Das Konzept hatte er an die Strukturen der soziokulturellen Zentren in Baden-Württemberg angepasst, um die Chance zu wahren, wie das Nellie Nashorn, die Gems in Singen oder das Tollhaus in Karlsruhe von Landeszuschüssen für die Soziokultur zu profitieren. Dazu kam es dann trotz der Besuche von Ministern für Wissenschaft und Kunst nicht. Grund waren die bereits bestehenden Kulturzentren, die bei den gedeckelten Zuschuss-Töpfen keine weiteren Antragsteller akzeptieren wollten. Zum Konzept gehörte ein Veranstaltungsraum – nämlich der Theatersaal mit seinen 70 Plätzen im Kesselhaus, der einstigen Energiezentrale der Seidenstoffweberei, der bereits im September 1991 mit der Premiere des „Theaters im Kesselhaus“ eingeweiht wurde. Und Kreativräume sowie ein Treffpunkt, die dann vor 25 Jahren fertig wurden. Dazwischen konnte der damalige Vorläufer der WWT noch die Renovierung der Holzwerkstatt und Schlosserei im Sommer 1994 abschließen. Da die Maschinen dort noch aus der Gründerzeit der Weberei in den Zwanzigerjahren stammten, passte die Einrichtung eines Museums Weiler Textilgeschichte optimal in das dezentrale Museumskonzept, mit denen der damals gerade frisch eingesetzte Kulturamtsleiter Tonio Paßlick im Herbst 1986 ein eigenes Profil für die Weiler Museen beschrieb.

Aber welche Kreativräume sollten entstehen? „Das Nordlicht ist optimal für ein Atelier“. Mit dieser Empfehlung der bekannten Basler Künstlerin Mireille Gros, die seit den 70er-Jahren ein Atelier auf der  Schusterinsel betrieb, besuchte Paßlick nach 1988  die verschiedenen „Zwischennutzungsprojekte“ in Basel und in anderen Städten, wo Industriebrachen einer neuen Verwendung harrten und von findigen Kulturschaffenden meist im Einvernehmen mit den Besitzern zu spannenden sozialen und kulturellen Biotopen umgebaut wurden. Dazu zählte das Warteck in Basel oder das Schlotterbeck-Areal.

Und das Interesse aus der Region war enorm groß . Noch während der städtische Bauamtsleiter Helmut Limberger die Herausforderung annahm, die großen leeren Shedhallen in Ateliers zu verwandeln, füllten sich die Akten mit Bewerbungen namhafter Künstler. Der damalige Oberbürgermeister Peter Willmann vertrat ein finanzielles Mischkonzept, dass dank des Nebeneinanders von Gewerbe und Kultur für die Künstler Sonderkonditionen mit subventionierter Miete vorsah. Aus einer Idee war in knapp drei Jahren ein Vorzeigemodell geworden: Bildhauer, Videokünstler, Maler, Designer, Foto-Künstler bildeten eine internationale Ateliergruppe, die den Ruf von Weil am Rhein als Stadt der Kunst und des Designs durch das kreative, aktive Potenzial der Künstler ergänzte. Ausstellungen wie „19+1“ oder Tage der offenen Tür, Reportagen in überregionalen Medien und Beiträge im öffentlichen Raum sowie Einladungen zu internationalen Ausstellungen förderten ein Image der künstlerisch inspirierten Kreativität, das sich auf die Acquise der Gewerbebetriebe positiv auswirkte.  So bekannte sich der damalige Geschäftsführer von TFL, Dr. Heider Krenz, ausdrücklich dazu, die Halle Süd wegen der Nähe zum Kulturbereich besonders attraktiv empfunden zu haben. Zahlreiche Besuchergruppen aus dem In- und Ausland, Delegationen von anderen Städten oder Abgeordnete haben das Kulturzentrum Kesselhaus besucht, um Anregungen für eigene städteplanerische Konzepte mitzunehmen.

Künstlergruppen organisierten von Anfang an ungewöhnliche Ausstellungsprojekte wie „Wasserwerke“ im Grenzbereich des Flusses Wiese oder regelmäßige Open-Air-Projekte beim Inzlinger Wasserschloss. Der Tulpenkünstler Max Meinrad Geiger initiierte die Herausgabe eines Kunstpostkartenkalenders, Gaby Roter wurde eingeladen, das Treppenhaus der Basler Post künstlerisch zu gestalten und bei der Eröffnung des Hüninger Kulturzentrums Le Triangle die künstlerisch gestaltete „Himmelsleiter“ als Geschenk der Stadt Weil am Rhein. Durch die Initiative der Künstlerin Veronica von Mutzenbecher entstanden zusammen mit anderen Kesselhaus-Künstlern Ausstellungen in französischen Schlössern und einem Kloster oder Projektaufträge in Paris und Reims. Jakob Gebert war beim internationalen Wettbewerb „Design for Europe“ der herausragende Teilnehmer und gestaltete für Vitra den in Serienproduktion gefertigten Stuhl „Taino“. Heute ist er Professor an der Kunsthochschule Kassel.

Die kreative Ideenschmiede wurde durch Beiträge zu vernetzten Kulturprojekten dokumentiert: wenn etwa Anne Marie Catherine Wieland öffentliche Kunstwerke als Performance mit Kindergärten aus drei Ländern gestaltete, Ildikó Csápó konzeptuelle Beiträge zum Kulturprojekt „Friedlinger Frieden“ verwirklichte und Fabienne Dombois den Genius Loci der unmittelbaren Umgebung durch dauerhaft installierte Zeitfenster weckte. Stefan Pangritz wurde Gestalter zahlreicher Plakate im kulturellen Leben der Stadt und Leiter des einstigen Programmkinos im Kesselhaus.

Einige Künstler waren und sind zugleich Kunstvermittler. Die Zeichen- und Malkurse von Paul Kochka-Thévénet, dem Bildhauer aus Lyon, und Holger H. Kröner, waren stark gefragt; sie blieben bis zu ihrem Tod langjährige Symbole für die Künstler in den Ateliers genauso wie die Schweizer Hansueli Bäbler, der mehrmals das Auslandsstipendium der Merian-Stiftung für Orangenschalen-Projekte in Australien nutzte oder einer der Graffiti-Künstler der ersten Generation Sigi von Koeding, der unter dem Künstlernamen „Dare“ auch die colab gallery aufgebaut hatte und internationales Renommé genoss. Beide sind viel zu früh gestorben.

Der Schwede Lasse Brander war mit seiner Galerie Altes Rathaus in Inzlingen Anreger eines Kulturaustauschs innerhalb der Ateliers geworden . Während Gaby Roter durch seine Vermittlung öffentliche Aufträge und Stipendien in Stockholm erhalten hatte, waren zahlreiche schwedische Künstler durch Ausstellungen in der Region bekannt geworden. Mit Godi Kessler wurde zudem ein künstlerisch produktiver Gastronom gefunden, der sein Atelier in Zürich mit dem Schwarzenbach-Areal vertauschte. Erika Seifert-Weissmann und Minka Strickstrock wurden wie andere Kesselhaus-Künstler nicht nur durch Themenausstellung in der Städtischen Galerie Stapflehus repräsentiert, sondern auch durch Kunstprojekte für die Landesgartenschau 1999. Kathrin Stalder war bis Dezember noch vertreten – sie hat mit ihren vielen Auslandskontakten nach Südafrika, Taiwan oder England immer wieder für internationale Gastkünstler gesorgt, die auch vom Kulturamt ausgestellt wurden wie Wei Lin aus Taiwan. Videokünstler wie Jan Bossert, Maik Burkhart oder Andi A. Müller, immerhin Schüler von Nam June Paik, oder die bekannten Graffiti-Künstler Smash137 alias Adrian Falkner, Wolfgang Krell oder der aktuelle Kurator der colab gallery, Stefan Winterle zählten genauso zu den Atelier-Künstlern wie die renommierten Wolfgang Kastenholz, Susanne Roewer und Josef Zapf.
Keiner von diesen ersten beiden Künstler-Generationen ist noch Mieter bei der WWT, die mit Peter Krause, Angelika Hoffmann, Evelyn Liebert und heute Evelyne Renkert sehr engagierte Ansprechpartner für die KünstlerInnen aufbot.  

Seit dem Sommer 2001 leistete sich das Kulturzentrum mit Hilfe der Merian-Stiftung und der Stadt Lörrach eine weitere Attraktion: Bruce Childs aus Clarksville in Amerika und Ville Niska aus Helsinki waren die ersten Bewohner der Austausch-Ateliers.
Von den heute in den Ateliers arbeitenden KünstlerInnen haben Dorothee Rothbrust, Niels Tofahrn und Ildiko Csapò bereits den Markgräfler Kunstpreis erhalten, ein weiterer wird am Freitag verkündet. Alle drei sind bereits seit vielen Jahren genauso wie Patrick Luetzelschwab Galionsfiguren der Ateliers. Auch Isa Schäfer, Gabi Moll (die Vorsitzende der Friedlinger Stadtteil-Initiative), Volker Bessel, Brunone Morandi, Elisabeth Veith, Natascia Scarpa oder die heutige Atelier-Sprecherin Annros Steinmann  oder Nicole Franke und die beiden Landscape-Künstler sind schon seit einigen Jahren dabei. In letzter Zeit sind noch der Schweizer Claude Karfiol, der Amerikaner Amont Logan, der Italiener Guiseppe Masini, die deutsche Künstlerin Gabrielle Krüger und die initiative Fotografische Gesellschaft Dreiland e.V. hinzugekommen. Seit Jahren trifft man sich im Kulturcafé von Olaf und Simone Zwieg. Die Fluktuationen konnten bei den Atelier-Nutzungen ohne Pausen bewältigt werden, denn eine Nachfrage gab es bislang immer. Gemeinsame Feiertag waren in den 25 Jahren immer der erste Sonntag im Dezember beim Tag der offenen Ateliers, der häufig ergänzt wurde durch Atelier-Nächte oder weitere Aktionen. In Ausstellungen wurde das Kesselhaus oft als Gruppe präsentiert: etwa im Stapflehus in Weil am Rhein oder im Triangle in Hüningen.
Mit spannenden Einrichtungen im Umfeld der Kesselhaus-Ateliers wie dem Kunstzentrum der Weiler Volkshochschule, der Firma „Showtime Movies“, der Tanzschule Cyranek, dem Trinationalen Umweltzentrum, grafischen Betrieben oder der Kesselhaus-Brauerei mit Craft-Bieren und natürlich dem aktuell ausgesetzten Kulturbetrieb des Kulturamtes und des Vereins Kulturzentrum Kesselhaus e.V. erzeugen die Ateliers im Kesselhaus seit 25 Jahren eine überregional nachhaltige Ausstrahlung.

Kulturzentrum Kesselhaus e.V.
Am Kesselhaus 13
D 79576 Weil am Rhein

 

Informationen zu Veranstaltungen:

Tel. +49 7621 704 412 (städt. Kulturamt)
info@kulturzentrum-kesselhaus.de

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